2003
Krystalia
installation
In der Vielfalt der im Raum verteilten Objekte deutet sich die Komplexität dessen an, was Hunger erzählen möchte, doch ist angesichts der Fülle der Materialien möglicherweise nicht sofort ersichtlich, wo sich der rote Faden der Rauminstallation „Krystalia“ von Francis Hunger entlangschlängelt.
Audio
Bevor man sich auf eine eingehenden visuellen Suche begibt, kann es Sinn machen, der Sound-Ebene Aufmerksamkeit zu schenken, die die im Raum verteilten Objekte überlagert. Schnell wird klar, dass es sich um die Beschreibungen einer Reihe von Bildern handelt, die auf einem Computermonitor gezeigt werden. Hunger hat diese Bilder, ohne weitere Zusatzinformationen im Internet aufgefunden und dann – fasziniert vom Material – begonnen, die einzelnen Bilder anhand der Bildinformation und zusätzlicher mit Suchmaschinen recherchierter Informationen in einen Kontext einzuordnen.
Film
„Mir fiel auf, dass einige Personen auf den Bildern einander ähnliche T-Shirts mit der Aufschrift ‚DEFCON 6.0’ trugen. Der Begriff schien mir irgendwie bekannt und ich kam schließlich darauf, dass sich auf den Film ‚Wargames’ von John Badham bezog. Ich hab mich dann ans Netz gesetzt und die Suchmaschine traf zuerst gar nicht auf den Hollywoodfilm, sondern auf ein Hackertreffen namens DEFCON 6.0, das 1998 in Las Vegas stattgefunden hatte.“
Spätestens jetzt wird deutlich, von wo aus sich Hungers roter Faden entspinnt: In der Raummitte hat er das DEFCON – Zeichen installiert, das in der Filmkulisse um vieles kleiner die Defense Condition, d.h. die Verteidigungssituation der Vereinigten Staaten, anzeigt. Diese wird durch den Eingriff des Hackers David Lightman in das Luftverteidigungssystem von der entspannten ‚Eins’ in Richtung ‚Fünf’, zum höchsten Alarmzustand manipuliert.
Bilder
Da der 1983 entstandene Film als einer der ersten populären Hollywoodfilme von „Hackern“ handelt, prägte er das Bild des Hackers wesentlich mit. Wie dieses Bild vom Hacker damals entwickelt wurde, dieser Frage geht F. Hunger mittels eines großkopierten Screenshots aus dem Film nach. Gleichzeitig ermöglicht er einen Vergleich mit den von Hackern selbst inszenierten Bildern, die ca. 15 Jahre später anlässlich des Hackertreffens DEFCON 6.0 entstanden.
Objekte
Aus dieser am Computermonitor präsentierten und vom Künstler kommentierten Bildersammlung entspring noch ein weiterer Faden. Eine der wenigen Frauen - Krystalia - die sich in der Hackergruppe etablieren konnten, starb 1999 an Gebärmutterkrebs.
Francis Hunger hat dieses Ereignis in ein Altar-ähnliches Objekt transformiert, das auf die wichtige Rolle verweist, die Krystalia innerhalb der männlich dominierten Hackergruppe spielte.
Derart überlagern sich vielfache interpretatorische Ebenen in Francis Hungers Arbeit. Hatte er in früheren Installationen, Performances und Internet-basierten Arbeiten vor allem die Frage des Computers als Medium in den Mittelpunkt gestellt, so rücken nun die AkteurInnen, als Handelnde in gesellschaftlichen Konstellationen in den Focus seiner Beschäftigung.
Krystalia
Ein Interview
C.M. Ein zentrales Motiv in deiner Rauminszenierung ist der Tapeziertisch mit einer großen Anzahl von Bildern, auf denen verschiedene Personen abgebildet sind. Wenn man den Beschrei-bungen der einzelnen Bilder zuhört, die auf einem Computer-monitor zu sehen und parallel auch zu hören sind, schält sich heraus, dass es sich um TeilnehmerInnen an einem Hackertreffen handelt. Du beschreibst hauptsächlich, was auf den Bildern genau zu sehen ist und sprichst eigentlich nie genau aus, was die einzelnen Bilder miteinander verbindet ...
F.H. ... was sicher auch damit zu tun hat, dass ich es auch nicht genau weiß. Soviel ist klar: die abgebildeten Personen haben wahrscheinlich alle an dem Hackertreffen DEFCON 6 teil-genommen, dass 1998 in Las Vegas stattfand. Es ist also davon auszugehen, dass es sich um eine Gruppe von HackerInnen handelt. Ich habe diese Bilder im Internet gefunden, wo sie auf der Website attrition.org unkommentiert in einem Ordner abge-speichert und öffentlich zugänglich gespeichert sind. Ich war von der kruden Mischung an Personen und Charakteren fasziniert, dass ich mir diese Bilder heruntergeladen habe und dann habe ich versucht, mehr darüber herauszufinden.
C.M. Wie bist Du dabei vorgegangen?
F.H. Zum einen habe ich angefangen, die einzelnen Bilder im Sinne einer klassischen Bildbesprechung zu ordnen. Also ich habe mir ein Bild vorgenommen und beschrieben, wer ist darauf abgebildet, welche Bekleidung trägt die Person, gibt es irgend-welche Besonderheiten, was ist im Bildhintergrund zu sehen? Das waren die ersten Fragen. Nach einer zusätzlichen Internet-recherche wurde klar, dass es sich dabei um Hacker handelt.
C.M. Am auffälligsten sind ohne Zweifel „Chip“ als Drag-Queen oder auch „Pham“, die nackt posiert und nicht unbedingt den Schönheitsnormen ausgehungerter Models entspricht. Daneben wiederum sieht man auch pornografische Abbildungen von Frauen, die diesen Normen entsprechen.
F.H. Ja. Die Bandbreite ist wirklich erstaunlich und man fragt sich, wie diese verschiedenen Rollenbilder überhaupt miteinander auskommen. Das gemeinsame Meta-Thema Hacking scheint es aber zu ermöglichen, dass so verschiedene Personen miteinander zusammenarbeiten. Bei meinen Recherchen bin ich auch auf eine Kondolenzwebsite für Krystalia gestoßen, eine Hackerin die 1999 verstorben ist. Pham zum Beispiel hat sich auf der Gedenkwebsite über ihre Freundschaft zu Krystalia geäußert und da wird auch klar, welche Rollen beide innerhalb der Gruppe einnehmen. Pham schreibt in einer Kondolenz-Email, dass Krystalia nicht nur eine Freundin war, die sie persönlich motiviert und gestärkt hat, sondern auch eine Vorreiterin, die aufgrund ihres technischen und kommunikativen Vermögens von den Männern ernstgenommen werden musste und somit überhaupt erst ermöglicht hat, dass Frauen generell in dieser Hackergruppe anerkannt wurden. Das ist die eine Seite.
Krystalia und auch andere Frauen, die ja in der Gruppe in der Minderheit sind, werden ernstgenommen und ihnen wird mit einer gewissen Aufmerksamkeit begegnet. Andererseits gibt es beispielsweise Misfit. Er selbst ist in der Bildersammlung nur mit dem Torso abgebildet, also relativ anonym. In der einen Hand hält er eine Bacardi-Flasche und in der anderen für den Betrachter sichtbar ein Männermagazin, mit einer Frau, die in pornografischer Pose ihre rasierte Vagina umfasst. Da finde ich wird deutlich, dass neben einer generellen Akzeptanz von Frauen, die sie sich erkämpft haben, in der Hackergruppe nach wie vor patriarchale Strukturen vorherrschen, die die entsprechenden Rollenerwartungen nach sich ziehen..
C.M. Gibt es aus Deiner Sicht denn eine Erklärung dafür, warum trotz dieser Divergenzen eine Zusammenarbeit möglich ist?
F.H. Zum einem gibt es das technologisch motivierte gemeinsame Thema. Wichtig ist sicher auch, dass die Frauen wirkliche technische Kompetenz haben und sich darüber in der Gruppe beweissen konnten. Natürlich ist es innerhalb eines grundsätzlich heterosexuell orientierten Geschlechtersettings für die männliche Mehrheit innerhalb der Gruppe auch wichtig, dass da Frauen dabei sind. Da entsteht ein ganz minimaler Spielraum.
C.M. Darin steckt trotzdem auch ein Moment der Selbstbehauptung, also es kann auch gelingen die Spielregeln zu ändern, sozusagen ein Genderhacking ...
F.H.: Die Situation hat natürlich auch positiven Aspekte, wobei ich davon ausgehe, dass dies trotzdem alles im Rahmen der üblichen Geschlechternormen und Rollenzuschreibungen stattfindet. Es gibt da sehr starke Regulationsmechanismen durch eine Meinungs-bildung innerhalb der Gruppe. Wenn eine Frau erstmal als „scene-whore“ abgestempelt ist, hat sie keine Chance mehr. Männern kann ein derartiger Ausschluss nicht passieren, niemand würde Männern in der Hackerszene unterstellen, ihre „sexuelle Attrak-tivität“ auszunutzen, um die eigen Position innerhalb einer Hacker-gruppe zu verbessern. Solche Vorwürfe gibt es nur gegenüber Frauen und die haben die Möglichkeit, in diesem schmalen Raum der sich dort öffnet, zu agieren wobei sie eben sehr genau darauf achten müssen, das richtige Maß zu wahren und das wird durch die Geschlechternormierungen codiert. Ich denke, das wird in meiner Raum-Inszenierung nicht sofort sichtbar, aber das sind die Fragen, die letztlich dahinterstecken.
C.M.: Vielen Dank für das Interview.
(Das Interview führte C. M., veröffentlicht in Spector Juli 2004)






Krystalia
installation
The diversity of objects placed in the room suggests the complexity of Hungers intentions. So it needs some time and intensity to get an idea of what the thread might be.
Audio
Before one explores the space visually, it could make sense to put attention to the sound layer that constantly fills the room. It becomes obvious, that the spoken text, corresponds to the images shown on a laptop and additionally mounted to a table and to the wall. Hunger has found these images without any comment on the Internet and began – fascinated by the material – to contextualise the images through revealing their visual information and researching additional information that could be found through search-engines. "I became aware of the fact that some of the depicted people did wear similar T-shirts with 'DEFCON 6.0' printed on it. This seemed somehow known to me and finally I recalled the relation to John Badhams 1983 movie 'Wargames'. I started searching the net again and thus stumbled across a 1998 Las Vegas hackers meeting named DEFCON 6.0 first, before I came across the Hollywood movie."
Movie
Now the somehow hidden thread starts to become visible. In the exhibition spaces’ centre the is placed the DEFCON-sign, which (in much smaller dimensions) in the original movies’ scenery shows the United States defence condition. This defence condition level is increased from the lowest 'One' (peace) towards the highest possible level 'Five' (atom-war) after the central computers' manipulation by the hacker David Lightman. As the 1983 produced movie was one of the first popular Hollywood-movies that deal with "hackers", it essentially shaped the image of "the hacker". How this image of “the hacker” was made up in the 1980's is questioned through a huge screenshot from a movies' scene mounted to the wall. The hacker David is interacting with his computer while David’s girlfriend Jennifer looks at him with glance in her eyes.
Images
The same time it is possible to compare this culture-industrial image to the self-made and self-staged images that were taken during the hacker meeting DEFCON 6.0 about 15 years later. Another thread develops from this collection of images. One of the few women who could get accepted within the hacker-group - Krystalia - passed away from cancer one year after these images were taken.
Objects
Francis Hunger transferred this incident into an altar-like object that points out the important role of Krystalia within the male-dominated hacker-group. A statement by her friend Pham that is printed onto a candle reads:
"Krys meant a lot to me. She was a strong intelligent woman in a man's world. She made it easier to be taken seriously, when most men in our community didn't really take an intelligent woman seriously. Some called her a bitch, some insulted her. All respected her. But she was so much more than a ground-breaker. She was a friend."
Thus the different, multiple levels overlap within Francis Hungers recent work. After questioning the computer as a media in his former installations, performances and Internet-based projects, he focuses now on the protagonists, how they interact within certain social constellations.
Krystalia
An Interview by C.M.
C.M. One of the central motifs in your installation "Krystalia" is a collection of images that depicts people who distinguish much from each other. When listening to the images’ descriptions which are present as a constant sound-level layered in the exhibition-space, it is never stated clearly what exactly connects these images to each other although one feels that there must be some commons in it …
F. H. … which has to do with myself being uncertain about the exact commons. At least this is clear: the depicted people have most likely attended a hacker-convention called DEFCON 6 that took place in Las Vegas in 1998. So one could assume that most of them are hackers or computer-enthusiasts. I've found these images when I opened an uncommented link at the website, all in one folder, just with the filenames indicating a persons pseudonym. I felt really attracted by the crude mixture of individuals, so I saved the images to my local hard disk and tried to investigate it further.
C.M. Could you describe this research a bit further?
F. H. First I've started to collect and sort the images in terms of a classical description / analysis. For each I tried to describe who is depicted on it, what is the clothing the person wears, are there any peculiarities, what is to be seen in the images' background? These where the first questions. Then - after searching the pseudonyms that were given with the filenames - it became clear that they are hackers. I felt a bit like a FBI-agent.
C.M Most striking without doubt are "Chip" who appears as drag queen or "Pham", who's posing naked while not really fitting to a models' ideals of beauty. Beside these ‘irregularities’ one also observes pornographic images that exactly fit these ideals.
F. H. Yes. The wide spread is really amazing and one starts to ask, how can these different role models coexist together? The common meta-topic 'hacking' seems to make the cooperation of that many distinguished individuals possible. During my research I also came across a condolence-website dedicated to Krystalia, a hacker who died in 1999. Pham for instance has made her thoughts public about her friendship with Krystalia on this website and thus also discusses the roles of both within the group. In her condolence-e-mail Pham writes, that Krystalia was not only a friend to her who motivated and encouraged her personally, but also the first woman who had to be taken seriously by the male majority for her excellent technical and communicational skills. So Krystalia enabled women in general to get recognition within this hacker-group. This is one side. On the other hand there is the image of Misfit in the collection. He is just shown with his torso - relatively anonymous. He confronts the observer with a bottle of Bacardi-rum and in the other hand he holds a men-magazine, showing a female, who presents her shaved vagina. In my opinion this could be understood as an example, that despite the general acceptance that women have fought hard for, patriarchic structures still exist - including the role models that follow from it.
C.M. Do you have an explanation why the cooperation although those visible divergence is still possible?
F.H. First you have the technologically motivated common topic. Then it also seems to be of some importance, that the women have strong technical competencies and were able to prove that within the group. And of course - in a mainly heterosexual setting as it could be supposed for this group - it is important for the male majority that there are woman. But still it develops a very small scope.
C.M. Which could be seen as a moment of self-assertion, a possibility to change the rules of the game, a gender hack …
F.H. The situation of course has positive aspects and potentials, whereas I suppose that the usual gender-ideas and social models generally still frame it. There exist strong mechanisms of managing and regulating the formation of opinion within the group. If a woman has just been marked as "scene-whore" she has no further possibility to change this. This kind of exclusion mechanisms cannot happen to men, nobody would presume that they would use their "sexual attraction" to improve their position within a hacker-group. These accusations exist only against woman and they have the chance to use this small space that opens up to act while they have to be aware precisely to meet the right measure, which is coded by gender-normations. These questions are not offensive stated in my installation but they are finally the questions that hide under the visual surface.
Leipzig, 18.2.2003 - First published in Spector cut and paste july 2005
Screenshots Wargames























